Hier eine Geschichte, die auch außerhalb der Vorweihnachtszeit auf unserer Seite sehr beliebt ist.

Viel Spaß damit!


Und zur Weihnachtsgeschichte noch was Passendes zu Naschen:



Tilde Michels: Die Ruppriche

Als mein Bruder und ich klein waren, fürchteten wir uns immer vor dem Weihnachtsabend. Daran waren die Ruppriche schuld, die zu Weihnachten in der Dämmerung durch unser Dorf im Erzgebirge zogen.
Die Ruppriche waren unheimliche Gesellen in dunklen Kutten mit großen Säcken und rasselnden Ketten. Sie erschienen zu viert oder zu fünft und fegten durch die Straßen wie das wilde Heer mit Poltern und Getöse. In alle Häuser drangen sie ein, in denen Kinder wohnten. Ich habe lange geglaubt, sie seien Unholde aus einer gefährlichen Welt irgendwo tief in den Felsen.
Wenn sie in unser Wohnzimmer stapften und ihre Ketten schüttelten, standen mein Bruder und ich gelähmt vor Schrecken. Wir wagten nicht aufzublicken. Wir wollten ihre Fratzengesichter nicht sehen.
Dann befahlen die Ruppriche: "Betet, Bürschlein, betet! Sonst kommt ihr in den Sack!"
Mein Bruder war ein Jahr älter; er machte es besser als ich. Er betete laut genug, damit uns die Ruppriche nicht in den Sack steckten.
Sie ließen uns lange beten. Hinterher tobten sie noch eine Weile in der Stube herum und suchten mit ihren Stöcken in allen Ecken, ob sich auch niemand verborgen hatte.
Schließlich warf einer seinen Sack auf den Boden. Er leerte ihn so ungestüm aus, dass die Äpfel, Nüsse und Pfefferkuchen bis in den hintersten Winkel rollten.
Erst als die finsteren Kerle aus dem Haus waren, fing für uns Weihnachten an.
So ging es Jahr um Jahr. Die Furcht vor den Rupprichen verdüsterte unsere Freude.

 

Aber dann kam ein Weihnachtsabend, an dem alles ganz anders verlief als sonst.
Mein Bruder und ich standen am Fenster. Es war die Zeit, in der die Ruppriche kommen mussten. Wir starrten auf die dunkle Straße und lauschten auf jedes Geräusch.
Plötzlich sagte mein Bruder: " Ich halt's nicht mehr aus. Ich hau ab." Und ich sagte: "Dann hau ich auch ab."
Wir stülpten unsere Wollmützen auf und schlichen die Treppe hinab. Auf der Straße hörten wir die Ruppriche rumpeln. Sie waren schon ganz nah. Wir sprangen hinter einen Zaun und kauerten uns in den Schnee. Durch die Zaunlatten konnten wir beobachten, wie die dunklen Gestalten ins Haus vom Brenner Muckel stürmten.
"Bleib still hocken", flüsterte mein Bruder. "Hier suchen sie uns nicht."
Ich dachte: Jetzt treiben sie's ganz schlimm mit dem Brenner Muckel, und ich war froh, dass ich hinter dem Zaun hockte.
Nach einer Weile ging die Tür beim Brenner Muckel wieder auf. Fünf Ruppriche polterten heraus. Und da - da geschah es: Der letzte rutschte auf der verschneiten Haustreppe ab. Er schwankte, stolperte die Stufen hinab und setzte sich mit dem Hintern in den Schnee.
Dann begann er zu fluchen. "Verdammte Trepp'!", schrie er, "Elendsverdammte Hundstrepp'! Ist denn kein Sand zum Streu'n da?"
Die anderen Ruppriche drehten sich nach ihm um und riefen: "steh auf und halt's Maul, besoffener Lappsack!"
"Was wollt denn ihr?" schimpfte er zurück. "Ihr Stinkstiefel, ihr dreckigen Stinkstiefel!"
Mein Bruder und ich lauschten starr vor Staunen. - Und wir kannten diese Stimme, und wir kannten diese Flüche. Es gab keinen Zweifel: der Rupprich im Schnee war unser Milchfahrer! Und wer die übrigen waren, konnten wir uns auch denken.
"Mensch!" flüsterte mein Bruder. "Der Rupprich is' auf'n Arsch gefall'n."
Ich nickte stumm.
"Mensch!" sagte mein Bruder wieder. "Die Ruppriche sin' nich' echt."
Ich seufzte vor Erleichterung. Mein Bruder legte mir seinen Arm um die Schulter, und wir warteten noch eine Weile zusammengekauert in unserem Versteck. Die fünf Ruppriche gingen dicht an uns vorbei. Wir sahen ihre unheimlichen Masken und hörten die Ketten klirren. Aber das machte uns jetzt nichts mehr aus.
Als sie im Nachbarhaus verschwunden waren, sprangen wir über den Zaun und rannten heim.

Bald darauf kamen die Ruppriche dann zu uns. Sie taten wieder recht furchterregend und brüllten: "Betet, Bürschlein, betet!"
Da sagte mein Bruder: "Ich will nich'." Und ich sagte auch: "Ich will nich'."
Die Eltern guckten uns verdutzt an. "Was ist denn in die Kinder gefahren?" rief meine Mutter.
Wir stellten uns nebeneinander, steckten die Hände in die Hosentaschen und zogen die Schultern hoch.
"Für die da", sagte mein Bruder und deutete mit dem Kopf nach den Rupprichen, "beten wir nich'."
"Hohoho!" riefen die Ruppriche, "ihr werdet's schon lernen!"
Einer machte seinen großen leeren Sack auf, die anderen kamen auf uns zu, als wollten sie uns ergreifen.
Mein Bruder warf den Kopf zurück. "Ihr seid ja Lappsäcke! Lappsäcke seid ihr!"
"Und Stinkstiefel", half ich dazu.
Und dann brüllten wir aus Leibeskräften: "Lappsäcke - Stinkstiefel - Lappsäcke - Stinkstiefel - Lappsäcke - Stinkstiefel!"
Zum Schluss warf sich mein Bruder auf den Boden und schrie: "Aua! Verdammte Trepp'! Is denn kein Sand zum Streu'n da?" Und ich sagte zu ihm: "Du besoffener Lappsack!"
Unsere Eltern begriffen nichts von dem, was vorging. Aber die Ruppriche merkten natürlich, dass wir sie durchschaut hatten. Es machte ihnen keinen Spaß mehr, uns zu erschrecken. Sie packten ihre Säcke und beeilten sich, weiterzukommen. "Nu denn, bis zum nächsten Jahr", brummten sie.
Von da an haben wir uns nie mehr vor den Rupprichen gefürchtet, mein Bruder und ich.

 

 

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